raus aus dem alltag – rein ins abenteuer!

Dünne Luft

Da es noch mitten in der Nacht (03:30 Uhr) war, als wir in Lima ankamen, ließen wir uns Zeit, gingen am Flughafen Zähneputzen und hauten uns auf Stühle in der Ankunftshalle, da wir im Dunkeln noch kein Taxi nehmen wollten. Das mit den Taxis in Lima ist sowieso eine schwierige Geschichte, denn nicht mal die Einheimischen nehmen sich noch gerne klassische Taxis, da sie teuer und oft unsicher sind. Glücklicherweise bot der Flughafen gratis WLAN an, damit wir uns ein Uber bestellen konnten, um zum Busterminal vom Unternehmen Cruz del Sur zu gelangen.

Nach einem vom Busterminal nahegelegenen Frühstück in einem Café stiegen wir dann in den gemütlichen Bus ein. Die Sitze kann man so weit nach hinten stellen, dass man gut schlafen kann. Außerhalb von Lima durchkreuzten wir stundenlang unwirtliche Wüste, bis wir dann in gebirgigere Gefilde kamen, die aber trotzdem noch sehr trocken aussahen. Es war dann schon dunkel, als wir in Huaraz ankamen, aber wir gingen das Risiko, ein Taxi zum Hotel zu nehmen, ein, denn nach 30 Stunden auf Achse ist man irgendwann einfach KO. Wir verhandelten den Preis auf 15 Peruanische Soles runter, was etwas weniger als 4€ entspricht. Der Taxler war aufrichtig und in unserem spärlichen Spanisch erfuhren wir, dass es in Huaraz sehr sicher sein soll.

Huaraz liegt auf 3100 Meter Seehöhe, hat etwa 150.000 Einwohner und ist der typische Ausgangspunkt für Bergtouren in die Cordillera Blanca. Der höchste Berg in der Umgebung (und der höchste von Peru) ist der Huascarán mit 6768m. Die Stadt wurde 1941 von einer Schlammlawine zerstört, ausgelöst durch einen abbrechenden Eisturm, der in einen See stürzte. 1970 kam dann die nächste Katastrophe, nämlich ein Erdbeben, das etwa 10.000 Menschen das Leben kostete und alle historischen Gebäude zerstörte. Leider schauen die neu aufgebauten Häuser nicht gerade schön aus, es sind schnell und billig aufgebaute Ziegelhäuser ohne richtigem Dach, und beim obersten Stock stehen die Betoneisen frei nach oben weg. Dieser Praxis begegneten wir schon in vielen Teilen der Welt, denn solange ein Haus sich “noch im Bau befindet”, muss man auch keine Steuern zahlen.

Den ersten Tag verbrachten wir, wie empfohlen, gemütlich, um uns in dieser Höhe zu akklimatisieren. Bei einem Besuch des belebten Marktes sahen wir überall die indigenen Frauen (“Cholitas”) mit ihrer farbenfrohen Tracht und den landestypischen Männerhüten, die die Europäer in den 1920ern ins Land brachten. Ebenso versetzte uns ein kleines Mädchen in angeekeltes Staunen, das genüsslich an einer marinierten Hühnerkralle lutschte wie an einem Lolli. Leider waren wir für ein Foto zu langsam. 🤢Danach fuhren wir mit einem der sogenannten „Colectivos“, also Kleinbussen, die das regionale öffentliche Transportmittel sind, zu den Thermalbädern in Monterrey. Lustig fanden wir, dass der Helfer im Minibus immer mal wieder zu einem Kasten lief, um eine Karte zu Stempeln oder ein Foto zu machen. Da private Unternehmen für den öffentlichen Transport eingeteilt werden, müssen sie wahrscheinlich Beweise für die pünktliche Fahrgastbeförderung liefern. Zuerst gönnten wir uns ein Privatbad für 30 Minuten, aber die wenig einladenden Räumlichkeiten würden besser in ein Gefängnis passen als in einen Ort der Entspannung… Zumindest war hier das Wasser schön heiß. Das braune Thermalwasser im öffentlichen Becken war leider nur lauwarm. Abends waren wir dann ziemlich unentschlossen, was wir am nächsten Tag machen sollten, denn der Wetterbericht war nicht gerade gut. Unser Hotel hatte unglaublich günstige Preise für die Ausflüge, nur 50 Soles (12,50 €) pro Person kostete die Tagestour zum Parón See. Inkludiert ist nur der Transport, der aber für eine Wegstrecke fast 3 Stunden Fahrt bedeutet. Das heißt, man verbringt fast 6 Stunden im Bus, um 2 Stunden bei der Laguna zu sein… Und auch zu anderen Attraktionen und Seen sind die Distanzen ähnlich weit. Dieser Umstand ließ uns grübeln, ob Huaraz wirklich der beste Ausgangspunkt sei, aber so günstige Touren wie von hier bekommt man nirgendwo anders und auf eigene Faust kommt man auch nicht billiger hin.

Zum Glück entschieden wir uns dann doch, die Tour zur Laguna Parón zu buchen, denn das Wetter war dann entgegen der Vorhersage wunderschön 🙈 Der große Aufwand dorthin zu kommen hat sich aber dennoch gelohnt, denn als wir am Aussichtspunkt auf 4300 Meter die Wasserfarbe des Gletschersees erblickten, “schnallten wir so richtig ab”. Das Türkisblau vor den schneebedeckten 6000ern der Anden schaute einfach nur unwirklich aus. Den pyramidenförmigen Berg direkt hinter dem See erkennt man vielleicht, er ziert das Logo von “Paramount Pictures”, dem bekannten US-Filmstudio. Nach ungefähr 300 Fotos in allen Posen und Varianten gingen wir noch zum Seeufer, wo einige aus unserer Gruppe noch ein Kayak ausliehen, um ein paar Minuten umherzupaddeln. Ich hatte nur leider den ganzen Tag mit Kopfschmerzen zu kämpfen, da hat wohl die Höhenkrankheit zugeschlagen, deren häufigstes Symptom Kopfweh ist.

Am darauffolgenden Tag machten wir eine einfache und nahegelegene Wanderung auf den Wilcacocha, denn die Tour zur berühmten Laguna 69 wäre schon wieder so eine weite Strecke zu fahren gewesen. Oben angekommen, hatten wir einen gewaltigen Ausblick auf die Gebirgskette Cordillera Blanca. Am Ufer des kleinen Sees saß eine Oma beim Schafehüten. Sie hatte eine Handspindel in der Hand und spann gerade Garn, wahrscheinlich aus der Wolle ihrer Schafe. Als wir bei ihr vorbeigingen, wollte sie uns sogleich selbstgestrickte Kappen andrehen, aber zuerst lehnten wir ab. Als wir sahen, dass sie auch noch viele andere Sachen hatte, kauften wir ihr für 3€ ein Paar Wollsocken ab… ein richtiges Shopping-Erlebnis auf fast 4000 Meter 😉 Ich hatte wieder leichte Probleme mit der Höhenkrankheit, nämlich leichte Atemprobleme und einen Druck auf der Lunge. Da die Einheimischen Coca-Tee zur Linderung trinken, kreierte ich sogleich ein neues Getränk: Coca-Kaffee. Ich schmiss einfach die Coca-Blätter in den Kaffee und ließ ihn ziehen, schmeckte gar nicht schlecht. Danach noch eine heiße Dusche und ich war wie neugeboren 😉

Ich konnte Romana überzeugen, für den nächsten Tag eine einfache geführte Tour auf einen 5000er zu buchen, den Nevado Mateo. Der Aufstieg ist nur ca. 450 Höhenmeter, da man von einer Passtraße aus startet, die auf 4600m liegt. Schon um 03:00 Uhr früh wurden wir beim Hotel abgeholt, und ich hatte nur vielleicht zwei Stunden geschlafen. Wahrscheinlich war mein Coca-Kaffee doch zu stark gewesen 😂🙈

Um 05:30 Uhr kamen wir dann am Ausgangsparkplatz an und hatten bereits eine Wahnsinnsaussicht auf die umliegende Bergwelt, allen voran den gigantischen Huascarán. Ausrüstung wurde an alle Gruppenteilnehmer verteilt und angezogen und um kurz nach 6 gings los. Schon nach wenigen Metern drehten zwei Teilnehmer aus Lima um, sie hatten wohl zu große Probleme mit der Höhe. Aber auch Romana und ich hatten ein zu hohes Anfangstempo und waren schnell komplett außer Atem. Wer schon mal auf dieser Höhe war, der weiß, wie viel anstrengender jede zu schnelle Bewegung ausfällt. Mit der Zeit wurden wir warm und wir kamen in unser Tempo rein. Auch wenn es sich für uns wie Schneckentempo anfühlte, waren wir dann doch bei den schnellsten dabei. Anderthalt Stunden später erreichten wir dann den Gletscher, an dessen Fuße wir uns die Steigeisen anzogen und anseilten. Wir waren in einer Vierer-Seilschaft, und die restlichen 150 sehr steilen Höhenmeter bis zum wolkenverhangenen Gipfel hatten wir dann sehr schnell überwunden. Ein wahnsinnig tolles Gefühl, auf einen 5150m hohen Berg geklettert zu sein – ich bin natürlich super stolz auf Romana, die so souverän das erste Mal Eispickel und Steigeisen beherrschte. Und dann hatten wir noch richtig Glück, denn die Wolke verzog sich und wir hatten wieder Sicht auf die Umgebung. Unsere Bergführer machten ungelogen hunderte Fotos mit unseren Handys, sie hätten lieber Fotografen werden sollen 😀 Zu Mittag waren wir dann schon wieder zurück in Huaraz. Die 65€ pro Person war dieses eindrucksvolle Erlebnis alle Mal wert!

Leider lassen die Tourbusse die Gäste immer irgendwo im Zentrum aussteigen, ohne, dass man wieder zur Unterkunft zurückgebracht wird. Als wir dann auf dem Rückweg ins Hotel bei einem Busunternehmen vorbeikamen, das auch Nachtbusse nach Lima anbot, fragten wir nach. Soviel wir verstanden, meinte die Dame, dass ab morgen die nächsten 1-3 Tage Proteste und Straßenblockaden im Land seien, und dass es ungewiss ist, ob die Busse fahren. Na super, irgendwie wollten wir nach 5 Nächten hier dann doch weiterziehen, und nicht noch länger bleiben. Denn so schön die umliegenden Bergwelten sind, so feinstaubbelastet und laut ist Huaraz. Die Autos sind allesamt vom letzten Jahrtausend und bei den schwarzen Wolken, die von den Colectivos ausgestoßen werden, hätten wir uns mehrmals auf dem Gehsteig die Corona-Masken zurückgewunschen. Wir buchten für den Abschluss noch die Tour zur Laguna 69 und gingen dann noch zum Cruz del Sur Busterminal, wo die Dame dann gottseidank meinte, dass ihre Busse die nächsten Tage normal verkehren würden. Als wir dann aber zur Unterkunft zurückkamen, teilte uns der Sohn vom Gastgeber mit, dass alle morgigen Touren aufgrund des Streiks abgesagt waren. Schade!

Beim Frühstück vermittelte uns der Gastgeber dann ganz spontan noch einen Transport  für die Wanderung zur Laguna Churup. Das war echt nett von ihm, denn das Wetter war strahlend blau, und wir wollten nicht in der Stadt bis abends rumgammeln. Diesen Ausweichplan nahmen wahrscheinlich dann wahrscheinlich alle Touristen in Anspruch die gerade in Huaraz waren und deren Touren gecancelled wurden. Die dreistündige Wanderung war zwar anstrengend, aber ebenfalls lohnenswert! 

Es war das erste Mal auf Weltreise, dass wir einen Late-Check-Out machten, denn der Bus ging erst um 22:30 Uhr und wir wollten nach der Bergtour noch duschen und rasten. Der Bus nach Lima fuhr dann glücklicherweise pünktlich ab und nach kurzem Zwischenstopp in Lima waren wir dann schon um 11:00 Uhr in Paracas, früher als erwartet und ohne Straßenblockade. Von unseren Erlebnissen der letzten Tage in der Wüste berichten wir das nächste Mal – bleibt gespannt!

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  1. Maria R.

    Gratulation zu eurem 1. Fünf-Tausender!!!
    Meinen ersten hab ich auch in Peru bestiegen.
    Da werden Erinnerungen wach… Huaraz, die Hühnerpratzerln in der Suppe, die türkisblauen Seen … die Meerschweinchen …
    Alles Gute weiterhin!
    Und ganz herzliche Grüße, Maria

  2. Toni

    Mir wäre auch der 5000er lieber als die Hühnerpratzen…..obwohl, wenn sie gekocht, sind sie eh sauber

  3. Petra

    Umwerfende Eindrücke ……..richtig unwirklich, das türkisblaue Wasser….

    Beim Anblick dieser „Häuser“ wird einem wieder mal bewusst, wie luxuriös und privilegiert wir leben dürfen….

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