raus aus dem alltag – rein ins abenteuer!

Die verlorene Stadt

Letzte Woche in Curaçao entschieden wir noch kurzfristig, dass wir von Bogota gleich weiterfliegen nach Santa Marta an die kolumbianische Karibikküste, denn dies ist der Ausgangspunkt der Touren zur Ciudad Perdida, der “verlorenen Stadt”. Die Highlights soll man sich nämlich nie für den Schluss behalten, denn es können noch oft unvorhergesehene Umstände eintreten, wie wir schon öfters die Erfahrung gemacht haben.

Die beiden Flüge dauerten jeweils nur eineinhalb Stunden, aber mit den Warte- und Umstiegszeiten landeten wir dann doch erst am späten Nachmittag im schwül-heißen Santa Marta. Wir wimmelten die vielen Taxi-Angebote gleich ab, denn es soll einen günstigen öffentlichen Bus ins Zentrum geben. Diesen fanden wir auch gleich, bereits auf Fahrgäste wartend und wir staunten dann nicht schlecht, als wir nur 2000 Pesos (43 Cent) pro Person für die einstündige Fahrt zahlen mussten! Der unglaubliche Lärmpegel einer lateinamerikanischen Stadt (Hupen, Motoren, laute Musik aus Lautsprechern, Geschrei, …) drang ungehindert durch die immer geöffnete Bustür und die Fenster herein und ließ Erinnerungen an Südostasien wach werden. Die Kolumbianer erschienen uns alle so unglaublich freundlich und hilfsbereit, aber nach Curaçao dürfte das auch nicht schwierig sein 😉

Am nächsten Tag hatten wir drei wichtige Dinge zu erledigen. Erstens, eine SIM-Karte organisieren, um alles weitere buchen und herausfinden zu können. Zweitens, die Lost-City-Tour bei einem Anbieter zu buchen (wir hofften, dass das so spontan geht). Drittens, eine Möglichkeit finden, wie wir die Fotos von Romanas Kamera, die sie sich noch am letzten Abend zuhause vom Schwager ausgeliehen hat, auf unsere Smartphones bekommen. Der erste Punkt war gleich erledigt, wir gingen einfach in den nächsten “Claro”-Shop, dort bekamen wir 30 GB für 30 Tage um nur 7€. Dann fragten wir uns in Elektronikgeschäften durch und kauften einen SD-Karten-Adapter, der Problem Nummer Drei löste, denn wir hatten noch eine zusätzliche MicroSD dabei. Verständigt haben wir uns meistens mit dem Google-Übersetzer, denn für flüssige Gespräche reicht unser Spanisch bei weitem nicht… Dann gingen wir ins Büro einer Lost-City-Agentur mit guten Bewertungen und hatten auch hier Glück, denn sie machten uns einen sehr professionellen Eindruck und wir konnten gleich am nächsten Tag starten. Wie die meisten buchten auch wir die 4-tägige Tour, in denen die knapp 50 km durch gebirgigen Dschungel zu bewältigen sind, es hätte auch noch eine 5-Tages-Option gegeben. Kosten: 380€ pro Person, dafür drei Mahlzeiten pro Tag, Unterkunft, Guide und Transport inklusive. Wir packten nur das Nötigste, etwas Wäsche zum Wechseln und eine lange Garnitur und FlipFlops  für abends im Lager. Wie wichtig es war, alles wasserdicht in Plastiksäcke und unserem Drybag zu verpacken, sollte sich dann an Tag 2 zeigen.

Was ist überhaupt die verlorene Stadt und warum will da jeder hin? Ciudad Perdida ist eine archäologische Sensation, da die Stadt schätzungsweise zwischen 700 und 800 nach Christus mitten im kolumbianischen Regenwald errichtet wurde. Sie diente der indigenen Volksgruppe, den Tairona, als spirituelles Zentrum und zu Spitzenzeiten war sie von mehreren tausend Menschen bewohnt. Nachdem spanische Siedler und Kolonisten im 16. und 17. Jahrhundert die indigene Bevölkerung vertrieben und durch eingeschleppte Krankheiten stark dezimierten, geriet dann die Stadt in Vergessenheit und der Dschungel verschluckte Ciudad Perdida. Erst in den 1970ern wurde die Stätte von kolumbianischen Bauern wiederentdeckt und all die Gräber wurden geplündert und die darin verborgenen Schätze landeten großteils auf dem Schwarzmarkt. 

Von Santa Marta wurde unsere 15-köpfige Gruppe, bestehend aus zwei Guides, einem Englisch-Übersetzer und jungen Leuten aus Spanien, Kolumbien, Peru, Dänemark und Österreich, dann mittels eines Allradfahreuges in das Dorf El Mamey gebracht. Nach einem reichlichen Mittagessen ging es los und einige Leute hatten ein Tempo drauf, dass Romana und ich uns dachten, dass das wohl nicht lange gut gehen würde. Und tatsächlich machten wir dann bei einem steilen Anstieg alle 10 Minuten eine lange Pause 🙈 Uns beiden wäre lieber gewesen etwas langsamer, dafür in einem Stück durch zu gehen. Später und die nächsten Tage legte sich dieses komische Gehverhalten gottseidank, aber das Tempo blieb trotzdem sehr hoch.

Während der ersten zwei Stunden fuhren immer wieder Motorräder auf dem schlammigen, ausgewaschenen Weg an uns vorbei, danach war dann der Pfad nur noch für Mulis zugänglich, um Waren in die Dörfer und Lager zu bringen. Um etwa 16:00 Uhr erreichten wir dann schon das Lager für die erste Nacht. Sebastian, unser Dolmetscher, erklärte uns, dass der Strauch, an dem wir gerade vorbeigingen, die berühmte Coca-Pflanze ist. Deren Blätter werden ja aufgrund der aufputschenden Wirkung in ganz Südamerika gekaut und als Tee getrunken. Speziell Kolumbien erlangte auch traurige Berühmtheit, denn aus der Coca-Pflanze wird Kokain gewonnen, welches in der blutigen Geschichte des Landes sicher auch seinen Teil dazu beitrug. Zu Pablo Escobar und dem Medellín-Kartell werden wir aber sicher im nächsten Beitrag etwas schreiben.

Ich fragte Sebastian, ob ich ein paar Blätter probieren könne. Er meinte: “selbstverständlich”. Hier gilt die Pflanze als Arzneimittel und hat eine lange Tradition und Kultur, ja, sie kann sogar im Supermarkt gekauft werden, während sie bei uns unter das Betäubungsmittelgesetz fällt 😉 Die Blätter enthalten nur ca. 1% der Alkaloide, welche Kokain genannt werden. Ich kaute zwei der kleinen, bitter schmeckenden Blätter möglichst lange ganz vorne im Mund. Nach ein paar Minuten kam ein ganz leichtes Kribbeln und Taubheitsgefühl, ansonsten merkte ich nicht viel. Romana, die erfahrene Kokserin, spürte natürlich gar nichts 😂 Wahrscheinlich sind 1-2 Blätter zu wenig…

Vor dem Abendessen konnten wir noch in einen lässigen Gumpen im Bach, der neben dem Lager vorbeifloss, schwimmen gehen. Das Lager ist einfach gebaut, aber trotzdem um einiges besser als die Lager, die wir damals im Dschungel auf Sumatra hatten. Alle Matratzen sind stockbettartig angeordnet und mit Mosquitonetzen umgeben. Die einfachen Toiletten und Duschen haben aber fließend Wasser, gefiltertes Trinkwasser steht in einem großen Bottich zur Verfügung. Um 21:00 Uhr wurde bereits das Licht ausgeschaltet, denn Tagwache ist ab jetzt jeden Tag um 5 Uhr früh, Frühstück halb 6, Abmarsch um 6 Uhr!

Tag Nummer 2 startete gut, aber schon bald fühlte ich, dass irgendwas nicht mit mir stimmte. Bei einer Pause, in der wir immer mit super süßem und saftigem Obst versorgt wurden, fröstelte ich dermaßen, dass ich froh war als es weiterging. Es ging wieder Stunde um Stunde steil bergauf und bergab und wir überquerten die Grenze zum Land der Indigenen. In diesem Teil der Sierra Nevada, dem Gebirgszug in dem wir uns gerade befanden, sind zwei Stämme vorherrschend, die Wiwa und die Kogi. Man erkennt sie gleich, sehr kleine Menschen, komplett in weiß gekleidet mit einer selbstgefertigten Umhängetasche. Auch die Männer haben immer lange Haare und haben meist eine prall gefüllte Backe, natürlich mit gerollten Cocablättern. Unsere Gruppe bekommt einen kleinen Vortrag eines Dorfvorstehers präsentiert, unter anderem zeigte er uns, wie sie aus einer Pflanze, die wie Aloevera ausschaut, die Fasern gewinnen, aus denen sie die Taschen und mehr machen. Bis zu 40 Arbeitstage benötigen die Frauen für eine solche Tasche. Die Farben gewinnen sie ebenfalls aus der Natur. Sebastian erzählt uns dann auch noch, dass es hier noch einige Stämme gibt, die jeglichen Kontakt mit der Zivilisation ablehnen.

Beim Mittagessen begann es dann zu Schütten was der Himmel hergab. Leider wurde es nicht besser, und als wir dann wieder weitergehen mussten, konnte man nur noch von Monsunregen sprechen. Wir hüllten uns zwar in Regenjacken und die Rucksäcke in die Regenhüllen, aber bereits nach wenigen Minuten waren wir nass, als wären wir schwimmen gegangen. Zuerst passten wir alle noch auf, dass wir die halbhohen Goretex-Wanderschuhe nicht fluteten, aber irgendwann wurden die sonst so kleinen Bächlein im Urwald zu reißenden Bächen, die wir knietief durchwaten mussten. Die Regenhüllen, die wir über die Rucksäcke spannten, hatten leider den gegenteiligen Effekt, denn das Wasser kam von überall und sammelte sich immer wieder am tiefsten Punkt, sodass wir immer noch einen Sack voll Wasser mitschleppten 😂 Ein besonderes Erlebnis!

Irgendwann im Laufe des Nachmittags ließ der Regen dann nach und wir kamen auch wieder recht früh beim nächsten Lager an. Wenigstens hatten wir noch trockene Kleidung zum Wechseln, denn ich fühlte mich richtig mies und musste mich gleich nach der (eiskalten) Dusche hinlegen – Appetit hatte ich auch keinen. Die Nacht war dann vorsichtig ausgedrückt “interessant”. Mein Zustand wechselte von Schüttelfrost zu Hitzeschlag und ich dachte mir schon immer, wie bitte, soll ich den Tagesmarsch am nächsten Tag überstehen. 

In der Früh warf ich dann Paracetamol ein, welches dann zum Glück das Fieber senkte und ich mich zumindest halbwegs imstande fühlte, weiterzugehen. Mit dem Wetter hatten wir unglaubliches Glück, dieser Tag war strahlend blau! Aber in die nassen Sachen vom Vortag zu schlüpfen war dann schon eine Überwindung. Am Vormittag sollten wir dann unser Ziel, die Ciudad Perdida erreichen, nachdem wir mehrere hunderte Stufen, gefertigt aus Naturstein (wie viele Jahre und Menschenleben mag diese Treppe wohl gekostet haben?) erklommen. Nur etwa 40% der gesamten Anlage wurde von der Regierung restauriert, zu groß wäre der finanzielle Aufwand gewesen. Auch so ist das Areal riesig und wird in vier Bereiche eingeteilt. Ein interessantes Detail war ein großer Stein, in den Linien und Muster eingearbeitet sind. Man vermutet, dass dieser Stein eine Karte der Umgebung darstellen soll.

Den besten Blick auf die terrassenförmigen Ruinen hatten wir dann von ganz oben und mehr als einmal fragten wir uns, wer um Himmels Willen auf die Idee kam, an einem dermaßen abgelegenen und unzugänglichen Ort eine Stadt dieser Größe zu errichten. Der Ausblick in die unberührten Täler und von Regenwald überzogenen steilen Berge entschädigte für die bisherigen Strapazen, auch wenn ich es leider nur bedingt genießen konnte. Der ansässige Schamane verkaufte noch jedem von unserer Gruppe ein “gesegnetes” Armband mit farbigen Perlen. Soweit wir das verstanden haben, haben Farben und Farbmuster eine starke Bedeutung für ihr Volk. So bedeuten unsere beiden Armbänder: Mond, Himmel und Berge.

Jetzt hieß es, die gesamte Strecke wieder zurück zu gehen. Diesmal übernachteten wir in dem Lager, indem wir am zweiten Tag das Mittagessen serviert bekommen haben. Ich ging wieder so schnell ins Bett wie möglich, wenigstens half das Paracetamol immer für ein paar Stunden. Der letzte Vormittag war dann nochmal so richtig anstrengend, denn ich hatte überhaupt keine Kraft mehr und Durchfall kam auch noch dazu. Was hatte ich mir da bloß eingefangen? Unsere Führerin Yuranis blieb immer bei uns beiden, nachdem wir immer das Schlusslicht bildeten. Als wir dann um die Mittagszeit ungefähr eine Stunde nach den anderen am Ziel eintrafen, wurden wir mit Applaus empfangen. Eine nette Geste, nachdem die anderen natürlich mitbekommen haben, wie schlecht es mir ging. Ja, fast 50 Kilometer und sehr viele Höhenmeter mit hohem Fieber zu wandern ist sicher nicht die schlaueste Idee, aber was wären die Alternativen gewesen? Sich all den Weg von einem Muli zurücktragen lassen?

Es war dann schon früher Abend, bis wir dann endlich wieder in Santa Marta im Zentrum waren. Wir hatten eine Nacht in einem Hotel gebucht, bei der Ankunft eröffnete uns der Rezeptionist, dass das Gebäude leider keinen Strom hat. Bei der Hitze hier an der Karibikküste ist keine Klimaanlage zu haben keine Option und wir schwitzten bereits in der Eingangshalle literweise. Er war aber sehr freundlich und organisierte uns gleich im Nachbarhotel ein billigeres Zimmer… eine ziemliche Absteige, aber für eine Nacht gut genug.

Da wir den Bus zur bekannten Stadt Cartagena de Indias bereits vor dem Start der Wanderung gebucht hatten, wollte ich mich erst dort auskurieren. Das Fieber hatte gottseidank nachgelassen, nur meine Darmprobleme mussten wir noch in den Griff kriegen. Wie schon bei Romana in Indonesien, half das Antibiotikum Azithromyzin dann innerhalb kürzester Zeit.

In Cartagena spazierten wir zum nahegelegenen Flughafen, denn unser Vermieter empfahl uns dort an den Strand zu gehen. Die Landebahn beginnt nur wenige Meter hinter dem Meer und wir zogen dann die Köpfe ein, als die Flugzeuge nur wenige Meter über uns hinweg donnerten.

Kopf einziehen!

Am Nachmittag schauten wir uns noch die Festung San Felipe und die malerisch bunten Häuser im trendigen Stadtteil Getsemani an. Da wir endlich dem (für uns) unwirtlichen Klima entfliehen wollten, buchten wir für den Folgetag den Flug nach Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Unsere Abenteuer aus der Stadt, die vor nicht allzu langer Zeit sehr gefährlich war, jetzt aber als Vorzeigestadt für Innovation gilt, berichten wir dann im nächsten Blog-Post.

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  1. Toni

    Gewaltiger Blog, gute Besserung und weiterhin alles Gute

  2. Petra

    Sehr, sehr interessant – beeindruckend!!

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